PSYCHISCHE GESUNDHEIT | Arbeitszeit ist Lebenszeit

18.07.2022 Elisabeth Seifert

Nur wenn es den Mitarbeitenden gut geht, erbringen sie auch gute Leistungen für die Bewohnerinnen und Bewohner. Arbeitgebende können viel dazu beitragen, dass die Mitarbeitenden trotz Belastungen gesund und motiviert sind. Das zeigt ein Besuch im Bifang Wohn- und Pflegezentrum im aargauischen Wohlen.

Das grossformatige Bild im Büro von Marcel Lanz hat eine 84-jährige Frau gemalt, die psychisch erkrankt ist. Vor dem Hintergrund der belastenden Krankheit erstaunen die Leichtigkeit und die Ruhe, die das Bild ausstrahlt, die vielen hellen Blautöne und die sanfte, harmonische Pinselführung. Sie hat das Bild extra für ihn gemalt. Dies deutet auf Beziehung hin, auf Verständnis für ihre Befindlichkeit.

«In den letzten Jahren ist mir immer stärker bewusst geworden, wie wichtig es ist, sich Zeit zu nehmen für den persönlichen Kontakt.»

Im Gespräch, das wir am Tisch vor diesem Bild führen, wird schnell deutlich: Für Geschäftsleiter Marcel Lanz spielen Beziehungen zu den Menschen innerhalb des Bifang Wohn- und Pflegezentrums Wohlen sowie in dessen Umfeld eine ganz zentrale Rolle. «Jeder Mensch hat das Bedürfnis, gesehen, gehört und verstanden zu werden», zitiert Lanz die amerikanische Psychotherapeutin und Schriftstellerin Virginia Satir.

Eine Einsicht, die zu einem Leitmotto seiner Arbeit und seines Lebens geworden ist. «In den letzten Jahren ist mir immer stärker bewusst geworden, wie wichtig es ist, auf die Anliegen der Menschen einzugehen und sich Zeit zu nehmen für den persönlichen Kontakt», sagt er. Mit den Mitarbeitenden, den Bewohnenden, auch den Angehörigen.

Dazu gehört etwa, dass er, wenn immer möglich jeden Tag, eine Runde durchs Haus respektive die beiden Häuser dreht, das Wohnzentrum mit gegen 80 Bewohnerinnen und Bewohnern sowie das Pflegezentrum mit knapp 40 Bewohnenden. Zur Begrüssung der Mitarbeitenden und der Bewohnenden gehört jeweils die – ernstgemeinte – Frage: «Wie geht es Dir respektive Ihnen?» Und, ganz besonders an die Mitarbeitenden gerichtet: «Wie erlebst Du die Belastungen derzeit?»

Ebenfalls täglich, immer morgens um 8.45 Uhr für eine kurze aber umso wichtigere Viertelstunde, trifft sich Marcel Lanz in seinem Büro mit Pflegedienstleiterin Karin Hitz, um sich mit ihr über das Befinden der Bewohnenden und Mitarbeitenden auszutauschen. «Auch ich selbst werde dabei jeweils gefragt, wie es mir geht», sagt Karin Hitz. Sie, selbst Vorgesetzte, weiss um die Bedeutung der Vorbildfunktion. Was der Chef oder die Chefin vorlebt, das werden die Mitarbeitenden weitertragen.

Auch private Sorgen machen zu schaffen

Das besondere Augenmerk von Marcel Lanz, Karin Hitz und allen übrigen Bereichsleitungen gilt der Zufriedenheit der Mitarbeitenden. «Nur wenn es den Mitarbeitenden gut geht, können sie gute Leistungen für die Bewohnerinnen und Bewohner erbringen», weiss der Geschäftsleiter. Zufriedene, psychisch gesunde Mitarbeitende sind indes keine Selbstverständlichkeit. Der Geschäftsleiter und die Pflegedienstleiterin sprechen die vielfältigen Belastungen an, die Mitarbeitenden zu schaffen machen. Diese betreffen manchmal die Situation am Arbeitsplatz.

«Die Führung eines Betriebs schliesst immer mehr die psychosoziale Beratung der Mitarbeitenden ein.»

Oft beschäftigen die Mitarbeitenden aber private Sorgen, familiäre oder gesundheitliche Probleme. Hinzu komme, wie beide betonen, dass gerade Mitarbeitende in den Pflege- und Sozialberufen aufgrund ihrer hohen Motivation, anderen helfen zu wollen, Gefahr laufen, ihre eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen.

Die Führung eines Betriebs schliesse immer mehr auch die psychosoziale Beratung der Mitarbeitenden ein, betont Marcel Lanz, der neben seiner Tätigkeit als Geschäftsleiter des «Bifang» Organisationen unterschiedlicher Art berät. Die Bürotüren des Geschäftsleiters und der sechs Bereichsleitungen stehen (fast) immer offen. Sie signalisieren damit, dass die Mitarbeitenden jederzeit bei ihnen vorbeikommen können.

«Wenn jemand aber in einer schwierigen Situation steckt, suchen wir gemeinsam nach Lösungen.»

Darüber hinaus sei es aber auch wichtig, wie Hitz unterstreicht, aktiv auf Mitarbeitende zuzugehen, bei denen man spürt, dass sie etwas belastet. Manchmal genüge es einfach, zuzuhören oder Adressen von Beratungsstellen weiterzugeben. «Wenn jemand aber in einer schwierigen Situation steckt, suchen wir gemeinsam nach Lösungen.»

Bei der Wertschätzung der Mitarbeitenden sieht Marcel Lanz neben der operativen Leitung auch die strategische Führung in der Pflicht, im «Bifang» ist dies der Vereinsvorstand. Während der Coronapandemie zum Beispiel hätten es die Mitarbeitenden sehr geschätzt, dass sie mehrmals einen Bonus ausgezahlt bekommen haben und ihnen zu Ostern von den Vorstandsmitgliedern persönlich ein Geschenk überreicht worden ist. «Das investierte Geld kommt mehrfach in Form eines grossen Engagements zurück», beobachtet Lanz.

Eine Umfrage legt die Bedürfnisse offen

Echte Wertschätzung zeige sich immer in Taten, nicht nur in Worten, unterstreicht der Geschäftsleiter. Um die Anliegen der Mitarbeitenden noch besser in Erfahrung zu bringen, hat sich die «Bifang»-Leitung im Jahr 2018 dazu entschlossen, als einer von neun Pilotbetrieben der stationären und ambulanten Langzeitpflege an einer spezialisierten Mitarbeitenden-Befragung teilzunehmen: Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz hat ihr bestehendes Befragungsinstrument Friendly Work Space (FWS) Job-Stress-Analysis um ein Spezialmodul Langzeitpflege ergänzt – und dieses erweiterte Tool von 2018 bis 2020 in einem Pilotprojekt getestet.

«Mit dem Instrument können Unternehmen eine Standortbestimmung bezüglich der Arbeitsbedingungen erstellen.»

Mit dem Instrument können Unternehmen das stressbezogene Empfinden ihrer Mitarbeitenden erheben und eine Standortbestimmung bezüglich der Arbeitsbedingungen erstellen.

«Ich nahm damals wahr, dass die Bedürfnisse meiner Mitarbeitenden nicht so abgedeckt werden konnten, wie sie das sollten», begründet Lanz, der seit 2016 Geschäftsführer des «Bifang» ist, sein Interesse an einer Teilnahme. «Alleine schon die Tatsache der Umfrage hatte positive Auswirkungen: Die Mitarbeitenden seien zuvor noch nie auf diese Weise befragt und mit einbezogen worden, sagt Karin Hitz, die seit 2019 im «Bifang» arbeitet. Die Rücklaufquote der anonym durchgeführten Befragung bei allen rund 100 Mitarbeitenden war mit gegen 80 Prozent entsprechend hoch.

Begleitet wurde die «Bifang»-Führung im Vorfeld der mittels Online-Tool durchgeführter Umfrage sowie bei der anschliessenden Analyse und der Definition der einzuleitenden Massnahmen durch eine bei der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz akkreditierte Beraterin.

Eine neue Arbeitsorganisation

In vielen Bereichen stellten die Mitarbeitenden dem «Bifang» gute Noten aus, vor allem jene, die in der Administration, der Gastronomie oder der Hauswirtschaft arbeiten. Im Kerngeschäft der Pflege zeigten sich gewisse Probleme. Unzufrieden war vor allem das Pflegepersonal im Haupthaus, dem Wohnzentrum mit gegen 80 Betten, verteilt auf sechs Stöcke, für das ein zentrales Team verantwortlich war. «Viele Pflegende fühlten sich überfordert, klagten über zu wenig Zeit respektive über zu wenig Personal.» Eine Situation, die hartnäckig Bestand hatte und aufgrund der Umfrage jetzt aber schwarz auf weiss sichtbar wurde.

Die Analyse legte dann offen, dass das eigentliche Problem in der zu grossen Verantwortung der Fachpersonen lag. Karin Hitz: «Sie waren während ihrer Schicht für alle Bewohnenden zuständig und lebten ständig in der Angst, etwas zu vergessen.»

«Die Mitarbeitenden wissen am besten selbst, wie sie ihre Arbeit effizient organisieren können.»

Es musste etwas geschehen, um die Situation zu verbessern. Statt jetzt aber einfach von oben nach unten die Arbeit im Wohnzentrum neu zu organisieren, wurde ein Projektteam aus betroffenen Mitarbeitenden und der neuen Leitung Pflege und Betreuung beauftragt, Vorschläge zu erarbeiten. Lanz: «Die Mitarbeitenden wissen am besten selbst, wie sie ihre Arbeit effizient organisieren können.» Mit Elan machte sich das Team ans Werk. «Wir liessen dem Projektteam weitgehend freie Hand und achteten einzig darauf, dass sie mit ihren Ideen nicht überbordeten», stellt Lanz schmunzelnd fest.

Im Juni 2021 ist die neue Organisation realisiert worden, im Kern geht es darum, dass jetzt zwei Teams für jeweils rund 40 Bewohnende zuständig sind. Die Folge: «Seit gut einem Jahr arbeiten die Teams im Wohnzentrum mindestens so motiviert wie jene im Pflegezentrum.»

Die Umfrage förderte dabei auch im Pflegezentrum gewisse Probleme zutage – dort allerdings nur in einem der beiden Stockwerke. Lanz: «Hier klagten etliche Pflegepersonen über Überarbeitung. Sie zeigten auch Überlastungsreaktionen wie Kopfweh oder Übelkeit. Einige machten sich auch grosse Sorgen wegen privater Probleme.»

Die Zufriedenheit der Mitarbeitenden verbesserte sich dann aber schnell mit dem Wechsel der Stationsleitung. Karin Hitz: «Es trägt hier jetzt eine Fachperson die Verantwortung, die ein offenes Ohr für die Anliegen der Mitarbeitenden hat und mit einer Ausbildung in Palliative Care optimal für die pflegerischen Anforderungen ausgerüstet ist.»

Durchführung innovativer Projekte

Die Umfrage habe verdeutlicht, so Lanz, von welcher Bedeutung die Beziehungspflege und auch die Arbeitsorganisation für die Zufriedenheit und die Gesundheit der Mitarbeitenden sind. Auch Rahmenbedingungen wie genügend Stellen und Löhne spielen selbstverständlich eine Rolle. Lanz: «Wir zahlen gute Löhne und haben gegenüber dem Richtstellenplan des Kantons grosszügige Stellenpläne.» Eine gute, effiziente Betriebsführung sei dafür ein zentraler Faktor, sagt der Organisationsberater und Supervisor. Besonders freut ihn, dass in den letzten Jahren verschiedene Pflegefachpersonen ins «Bifang» zurückkehrten – «vor allem aufgrund der Arbeitsbedingungen und unserer Haltung gegenüber den Menschen».

«Wir haben ein breites Angebot an freiwilligen und obligatorischen Weiterbildungen. Das ist das einzige Konto, das explodieren darf.»

Zu dieser Haltung gehöre es, Mitarbeitende in Prozesse einzubeziehen. «Wenn man die Betroffenen zu Beteiligten macht, sind sie für ihre Arbeit ganz anders motiviert.» Dies bedeute aber auch, die Mitarbeitenden mittels Weiterbildungen für neue Aufgaben zu befähigen. «Wir haben ein breites Angebot an freiwilligen und obligatorischen Weiterbildungen», sagt er und fügt lachend bei: «Das ist das einzige Konto, das explodieren darf.»

Mit den Weiterbildungen verbunden sind die Durchführung innovativer Projekte. Ein wichtiges Projekt ist derzeit die Zertifizierung des «Bifang» im Bereich Palliative Care. «Palliative Care ist, nebst spezifischem Wissen, eine Haltung, die es nun gemeinsam zu einer Kultur zu implementieren gilt», sagt Lanz.

In Zusammenarbeit mit allen Bereichen und Beteiligten eine bestmögliche Lebensqualität bis zum Ende verschaffen, ist sinnerfüllend und bereichert auch das Leben der Mitarbeitenden.


Bild: Marcel Lanz, Geschäftsleiter des Bifang Wohn- und Pflegezentrums im aargauischen Wohlen, und Pflegedienstleiterin Karin Hitz. Foto: Marco Zanoni.